Donnerstag, 12 September 2013 15:54

Das gedruckte Buch in Zeiten des E-Books | Diskussion

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Gerd Stiebert, Matthias Matting, Michael Kleinherne, Harald Kneitz bei der Diskussion im Literaturzelt des Open Flair "Wort im Wald" Gerd Stiebert, Matthias Matting, Michael Kleinherne, Harald Kneitz bei der Diskussion im Literaturzelt des Open Flair "Wort im Wald"

Das Literaturzelt bot auf dem diesjährigen Open Flair im Klenzepark nicht nur Theater und Literatur. Jens Rohrer und Oliver Scholtyssek, die Programmverantwortlichen für „Wort im Wald“, setzten sich auch mit den neuen Verkaufs-Formen auf dem Buch-Markt auseinander. „In Zeiten von Kindle & Co - Hat das gedruckte Buch eine Zukunft?“, war die Frage, mit der sich eine Podiumsdiskussion befasste. Gäste waren Gerd Stiebert (Buchhändler), Michael Kleinherne (Uni Dozent, Autor, Dramaturg, Journalist) und Matthias Matting (Journalist. Autor u.a. für Fachbücher zum E-Book). Harald Kneitz (Kulturamt Ingolstadt, Literaturtage IN) führte gut informiert, literaturbegeistert, mit kritischen Fragen und feinem Witz durch den frühen Sonntagvormittag.

 Harald KneitzEr selbst habe sich, so Kneitz, in Vorbereitung auf die Diskussion „so einen Kindle“ ausgeliehen, um, neben der Recherche zum Thema, auch eigene Erfahrungen einzubringen. Sogleich seien Nachteile deutlich geworden, etwa wenn man einschlafe und statt einem Buch ein technisches Gerät zu Boden falle … Die praktischen Überlegungen beherrschten dann zunächst auch das Gespräch: auf Reisen könne man sehr viele Bücher nahezu gewichtslos mitnehmen, online schnell nachbestellen und sofort lesen. Andererseits: der Sand, wenn man am Strand liest, ein technisches Gerät ist anfälliger, das Buch ein haptischer Genuss.

Das E-Book sei sehr demokratisch und ermögliche vielen den Zugang zur Literatur meinte Matthias Matting, der als Experte geladen war. Es passe sich den Wünschen des Lesers an. So gäbe es viele Bücher nicht im Großdruck, beim E-Book stelle man einfach die Schrift größer ein, kann heller und dunkler kontrastieren, markieren und vieles mehr. Insbesondere bei jungen LeserInnen komme immer mehr die Nachfrage nach digitalen Texten. Es sei einfach, über E-Books neue Formate für Wort und Text zu erfinden, in Verbindung mit Musik, Bildern, die Fremdworthilfe sei unkompliziert. Michael Kleinherne konnte das bestätigen. Die Lesegewohnheiten selbst im Literaturstudium seinen digitaler geworden. So bekomme er als Feedback auf seine Vorlesungen auch schon mal zu hören, er arbeite mit „zu viel Papier“.

Gerd StiebertDer Buchhandel. Ein direkte Konkurrenz für den Buchhandel seien die E-Books nicht, meinte Gerd Stiebert. Die Nachfrage steige, seit es in 2008 auf den deutschen Markt kam, eher langsam. Nur 0,9% des Handles mache es aus. „E-Books kann man übrigens auch im Buchhandel kaufen, nicht nur als Kindle bei Amazon.“ Die Risiken für den Buchhandel wurden eher darin gesehen, dass mehr online gekauft werde als im Buchladen vor Ort. Doch auch das hätte sich dank der guten Serviceleistungen und des geschätzten Beratungswissens des Buchhändlers eingependelt. Er warb dennoch dafür die Arbeitsplätze und Wertschöpfung aus dem Buchhandel lokal auch zu unterstützen.

Der Datenschutz. Harald Kneitz wies darauf hin, dass beim E-Book immer auch Verlag und Autoren mitlesen. Markierungen, Verweildauer auf den Seiten, Suchworte all das würde bereits heute schon ausgewertet, was im Publikum längst nicht allen bewusst war. Die Datenanalyse würde schnell zur „Anweisung für Bücher die sich gut verkaufen“, so Kneitz. Es drohten uns mit dem E-Book nicht nur der ständige Beobachter in intimen Lesestunden, sondern auch Autoren, die mit dieser Datenschere im Kopf schreiben würden. Experte Matting konnte dazu nicht viel entkräften, sah jedoch immerhin eine „Marktnische für E-Books, die den Datenschutz garantieren würden“ und es sei ebeneinfach alles auch eine Frage des Digital Rights Managements … Eine gewisse Skepsis, ein leises Unwohlsein blieb.

Michael KleinherneDie Autorinnen und Autoren. Für sie sprach vor allem Michael Kleinherne, der mit seinem aktuellen Erzählband „Drehpause“ demnächst auf Lesereise in die USA geht. Von den etwa 70.000 Verlags-Autoren, so informierte er, würden nur 4% überhaupt mehr als 2.000 € im Monat verdienen. Kleinherne konnte den Möglichkeiten der digitalen Verbreitung durchaus Positives abgewinnen. Die so genannten Druckkostenzuschuss-Verlage verlören dadurch zunehmend an Boden, was erfreulich sei. Diese „beteiligen“ die Autoren an den Buchkosten und wälzten so das Verkaufsrisiko auf diese ab. Bis zu 5.000 € muss ein Autor zahlen, um ein Werk über einen solchen Verlag gedruckt zu sehen. Gerade die neuen Formen der Wortkunst wie Poetry Slam seien über Independent-Szene und Online-Communities bekannt geworden. Die digitalen Mash-Ups und Mixes aus Wort, Musik, Bild, Verlinkungen, Überblendungen würden ganz neue Kunstformen generieren. Obwohl das gedruckte Buch haptisch schöner sei und die Nachfrage danach immer noch wachse, sollten Autoren, so Kleinherne, jedes Forum nutzen, um zu veröffentlichen, denn der Zugang zu einem Verlag sei enorm schwierig. „Das Wichtigste für die Autoren ist“, so Michael Kleinherne „dass sie gelesen werden und dass sie Reaktionen bekommen.“

 

 

 

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