Freitag, 23 Oktober 2015 13:52

Jens Rohrer | Guerilla-Lesung im Innenstadt-Discounter | Fremdartig!

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Jens-Rohrer Autorenfoto2Ingolstadt , November 2012 | Eine Guerilla-Lesung aus den Werken berühmter Alkoholiker vor dem Schnapsregal eines Innenstadt-Discounters –  wunderbare Idee des Ingolstädter Autoren Jens Rohrer zum bundesweiten Vorlesetag. Subversiv wurde nur über die sozialen Netzwerke und Mundpropaganda eingeladen.

Spannend. Was wird passieren, wenn zwischen Wodka und Schokoriegeln Bukowski vorgetragen wird, wenn das Publikum klatschen wird - Sicherheitsdienst, Polizei? Ausweis nicht vergessen, für alle Fälle.

Subversiv und verschwörerisch – nur nicht auffallen – schob man also um kurz vor Beginn, um 18 Uhr, schon einmal den Einkaufswagen durch die Regalreihen, legte Waschmittel, Käse, Milch hinein. Warum nicht mit dem Nützlichen verbinden, und auch gleich einkaufen. Sollte es allerdings zur schnellen Flucht kommen, würde man die Ware zurücklassen müssen. Notgedrungen.

Kurze Blickkontakte mit Anderen – auch Guerillas oder echte Kunden? Normal sein, man kauft ja schließlich auch sonst hier ein. Ist der Autor schon da, hat schon jemand vom Personal gemerkt, das heute etwas PASSIERT! Alles ruhig, nur wir selbst sind aufgeregt. Guerillalesung! Dann ein Zischeln von hinten – er ist da! Langsam, nur nicht auffallen, den Einkaufswagen zur Ecke Alkohol schieben, es geht los.

Jens Rohrer legte seine Bücher auf das Mehl, nahm sich Baudelaire zur Hand und las. Ruhig, bescheiden. Er steht nicht direkt vor dem Wodka, denn gleich daneben ist die Tür zu Personalraum und er will ja nicht stören. Also etwas zur Seite rücken, vor das Mehl stellen. „Der Wein des Mörders“ war zu Ende gebracht, schüchterner Applaus des Publikums, man will ja nicht stören. Etwa 20 Guerilla-ZuhörerInnen hatten sich in den Gängen eingefunden, die einen mit Keksen, Brot, Chips unter dem Arm, zur Tarnung. Andere lässig auf den Einkaufswagen gelehnt.

Endlich – Rohrer hatte zu Janoschs Polski Blues angesetzt – eine Reaktion. Eine Mitarbeiterin zieht einen großen Karton an uns vorbei durch den Laden. Das Publikum tritt freundlich zu Seite, man will ja nicht stören. Kunden kaufen ein, ein Griff an Rohrer vorbei, zum Mehl, Rohrer trägt Dirty Old Town von den Pogues vor, wieder Applaus. Inzwischen sind alle locker, schauen nicht mehr hinter sich, hören nur noch zu. Steinbecks Straße der Ölsardinen. Rohrer liest. Aus Hemingways „Fiesta“, Dylan Thomas “Youth calls to age”, aus T.C. Boyles “Wenn der Fluss voll Whisky wär”.

Erstaunlich, welche Schriftsteller Alkoholiker gewesen sein sollen. Die Gedanken schweifen ab. Warum fordert uns eigentlich niemand auf zu gehen? Was hier wohl sonst so abgeht, wenn eine Guerilla-Lesung mit Publikum und Applaus, immerhin eine dreiviertel Stunde lang, so stoisch hingenommen wird. Oder ist es Fatalismus? Gibt es in solchen Discountern vielleicht Schulungen zu deeskalierendem Verhalten? Ist dieser NORMA die Spitze der Urbanität, öffentlicher Raum in höchster Vollendung: solange man nicht stört, also den Weg zum Personalraum und zum Mehl freilässt, ist alles möglich?

Wieder ein Kunde zum Mehl, die Mitarbeiter gehen an uns vorbei in den Personalraum. Inzwischen suchen wir sogar schon den Augenkontakt mit ihnen, um uns unserer Anwesenheit zu vergewissern. Eine künstlerische Intervention, eine subversive Guerilla-Lesung bei NORMA – hat sie überhaupt stattgefunden? Manche sind heute, eine Woche danach, sogar der Meinung, das Personal sei nicht an uns vorbei, sondern mitten durch unsere Körper hindurch gegangen, wir waren gar nicht wirklich da. Ein paar Tage später finde ich das Video auf meinem PC, das ich während der Lesung aufgenommen hatte. Das habe ich ja vollkommen vergessen …

Danke, Jens Rohrer für diese Guerilla-Lesung. Unerwartet fremdartig – mehr Großstadt geht fast nicht.

 

cover150Jens Rohrer, geb. 1975, ist gelernter Mediengestalter, schreibt und lebt in Ingolstadt. Er veröffentlicht seit einigen Jahren Kurzgeschichten und Gedichte und organisiert u.a. das Literaturzelt "Wort im Wald".

Kurzgeschichten und Gedichte „Ingolstädter Schriftstücke“
Bd. 3-5, Creative Verlag;

Kurzgeschichten und Gedichte in „Das Äußere des Irrenhauses“
1998, Verlag Rohrer & Moon

 „Von der Rettung der Welt und kleinen Pelztierchen“
Roman, 2001, Verlag Satori & Moon

Von Träumern und Epileptikern - E-Book

 

 

 

 

 

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