Donnerstag, 22 November 2012 22:56

Poetry Slam im Stadttheater | Furios, vergnüglich, unter die Haut

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Dead vs. Alive - tote Dichter, dargestellt von Ensemblemitgliedern des Stadttheaters, treten im Wettstreit der Worte gegen zeitgenössische, höchst lebendige Slampoeten der freien Szene aus Berlin, Eichstätt, Rosenheim und Köln an.

Es war ein furioser Abend, der mitgerissen und rundum alle Sinne, Geist und Emotion angesprochen hat. Literatur mit Witz, Wahn und Wahrheit, Emotion und Eloquenz, Querdenken und Seelenqual.

Voller Symbole und Mystik war die Videokunst von Cendra Polsner (Eichstätt), die nicht nur Atmosphäre schaffte, sondern manchem Beitrag das gewisse Etwas gab. Interessant auch, welche Texte die Ensemblemitglieder für sich ausgesucht hatten. Eine starke Auswahl! Poetry Slam ist gute Wortkunst, hat was zu sagen und macht Spaß macht, das hatte man erwartet. Unerwartet stark waren die „toten“ Dichter und Dichterinnen - von mancher möchte man gleich mehr lesen.

Das Ingolstädter Publikum zeigte sich von seiner besten Seite und hat den Wettbewerb um den Siegerpreis – eine Flasche Whiskey – kräftig angeheizt. Es wusste auch die ernste Bekenntnislyrik zu würdigen, die sich gut behaupten konnten zwischen Berliner Wortwitz (Till Reiners), Rhythmus (großraumdichten) und Empörungskritik (Florian Cieslik).

Wer zuletzt vorn lag, ins Finale kam und siegte – nebenbei gesagt die lebenden Dichter – ist letztlich nicht so wichtig. Der Wettstreit, die 5-aus-dem-Publikum-Jury, die Applausskala sorgten lediglich für einen zusätzlichen Spaß an diesem Abend. Der echte Genuss waren die Texte, die Performance der WortkünstlerInnen, die Dichter-Darsteller und die Videoeinspielungen.

Der Stuttgarter Slammer Hanz führte charmant und witzig durch den Abend und startete mit "featured artist"Julius, Singer-Songwriter aus Hannover, der mit seinen abgespacten Songs über Aliens und andere Beobachtungen sowie einer Mischung aus Stimme, Strom und Selbstironie einen ganz eigenen Akzent setzen konnte – höchst vergnüglich!

Florian Cieslik aus Köln trat als erster an und legt den Maßstab – hoch. Was regt uns eigentlich noch auf? Gesellschaftskritik zwischen Büchners Danton und Stéphane Hessels „Empört euch!“ Erkenntnis: Aus Ruinen aufzustehen ist schwer, aus Federbetten umso mehr!

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Silvia Plath ging unter die Haut. Stark präsentierte Marie Ruback „Daddy" - eine Schlussabrechnung mit dem Vater, der bald darauf der Selbstmord der Lyrikerin folgte. Bühnen-Präsenz und Intensität, mit kallgelber Gummi-Perücke. Präziser Ausdruck der offenbarten Emotionen von Plath, in einem ruhigen, heutigen Slam-Rhythmus. Von der ersten Sekunde bis zum Schluss voller Spannung – beeindruckend!

 

Denise Matthey hatte das Publikum schon gewonnen, als sie „ihre“ tote Dichterin Anne Sexton mit starken Worten vorstellte. "Ich bin Anne Sexton Dichterin, Selbstmörderin, Hausfrau, die Hure von Babylon …." Sextons „Vogel Ehrgeiz“ und dazu leicht verstörende Videoeinspielungen von flatternden Vögeln, die irgendwie immer anzustoßen, abzustürzen schienen. Dazwischen wohlige Worte vom „Kakao, der warmen, braunen Mama“ der die Schlaflosigkeit beruhigen soll und doch nicht kann. „ Die ganze Nacht schlagen dunkle Flügel in meinem Herzen. Jeder ein Vogel Ehrgeiz.“ Starke Lyrik, starke Performance.

 

 

Die Fliege kam mit. Enrico Spohn brachte Heinrich Heines „Die Launen der Verliebten“ auf die Bühne, ein Insekten-Gedicht in dem die Fliege von einem Käfer angeschwärmt wird. Fliege und Enrico - es müssen beide genannt werden - wickelten das Publikum flugs um den Finger. Heine höchst vergnüglich (das Wort des Abends übrigens: vergnüglich). Er wurde von seinem Team, den „Toten“, dann auch ins Finale gegen Till Reiners geschickt.

 

Till Reiners, Stadtmeister von Berlin (2011), überzeugte das Publikum auch in Ingolstadt und heimste die meisten Jury-Punkte ein. Im Finale trat er für die „Lebenden“ gegen Heinrich Heine/Enrico Spohn an. Temporeich, vieldeutig und offensiv - Wut ist Treibstoff! - trug er seine Sprach-, Beziehungs- und Weltuntersuchungen vor, in denen nichts heilig und schon gar nichts gewiss ist – denn nur darum spräche man ja überhaupt miteinander, um sich der gemeinsamen Realität zu vergewissern. Kein Austausch, nur Selbstbezug. Mehr davon und gerne wieder!

 

Großraumdichten mit Pauline Füg (Eichstätt) und Tobias Heyel (Stuttgart) spannen ein feines Netz zwischen Kapitalismuskritik und … struktureller Selbstgewissheit? Selbstzufriedenheit? Das blieb offen und ließ viel Raum. Feine Wort-Performance mit viel Rhythmus und Musik, zarten Andeutungen, sich überlagernden Bewegungen und Wort-Gefügen, kritischen Anwürfen, die wohl eher die Gegebenheiten meinten als die (nicht)handelnde Personen - hofft man zumindest, selbstzweifelnd.

 

Charles Bukowskis „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“ haben Thomas Schrimm inspiriert „Der Große mit dem Säbel“ auszuwählen. Das erwartete "Dirty" und Abgestürzte kam, aber anders. Ruhig, nicht laut. Schrimm hat es uns spüren lassen, war authentisch, hat über seinen Körper gewirkt, hat uns nichts aufgedrängt. Dazu Cendra Polsners Videoeinspielung einer Waffe, denn es ging um Gewalt, erst in der Zeitschrift, dann als Hirngespinst. Man kann jederzeit den Kopf verlieren, den Bezug zur Realität. Danke, Thomas Schrimm für Bukowski – beim Friseur.

Der Nächste!
und ich ging rüber zum Stuhl
und mein Kopf saß noch drauf
und sein Kopf sagte zu meinem Kopf,
Wie möchtens Sie´s denn? und ich sagte,
Na so mittel ...
(Auszug aus "Der Große mit dem Säbel)

Das Stadtheater wird sich dem Poetry Slam weiter widmen. Mit Pauline Füg und Thomas Heyel findet am 7. Dezember ein U20-Workshop statt (ab 14 Uhr, im Jungen Theater). Die Literaturtage 2013 werden weitere Poetry Slams und Workshops anbieten.

 

 

Finale - die Fliege gratuliert ...

 

Julius - Singer-Songwriter aus Hannover

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