Sonntag, 13 November 2016 00:33

HADERLUMPEN von Christian Paulus | Ausstellung und Buch

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paolo lumpi 348Ingolstadt | Christian Paulus aka Paolo Lumpi ist einer der neuen Künstler des Berufsverbands Bildender Künstler 2016. Seine Austellung HADERLUMPEN* Schanzer Ansichten und Aussichten ist aktuell zu sehen. Was in den Aussichten, also dem Blick in die Zukunft, schon anklingt ist seine Haltung als Künstler und Architekt: zeitkritisch, nachdenklich, politisch, heimatverbunden. Er blickt als Romantiker und Ästhet auf seine Stadt und begleitet diese Perspektive mit lakonischem Witz, ökologischem Wissen und einem breitem Themenfeld: vom Vorgarten bis zum Klimaschutz, von der historischen Stadtsilhouette bis zu den Chemtrails des energieverschwenderischen Flugverkehrs, die sich wie ein Netz über die Stadt legen, über Landschaften, Raffinerien, touristische Orte und vor Horizonten auftauchen. Bis zum 11. Dezember ist die Ausstellung in der Ladengalerie COLORIA zu sehen, auch das Buch HADERLUMPEN ist dort erhältlich. (UPDATE: Aquarelle und Buch sind dauerhaft dort zu sehen und zu erhalten.)

Der Künstler setzt die Aquarelltechnik gekonnt für seine eigenwilligen Stadtansichten ein. Er hat längst eine kleine Fangemeinde, auch in den sozialen Netzwerken, in denen er nicht nur seine Aquarelle zeigt, sondern auch kleine Geschichten erzählt, nicht zuletzt zu Baukultur und Stadtentwicklung. Diese ist von Berufs wegen schon Thema des Architekten, der seit vielen Jahren in Ingolstadt arbeitet, auch im sozialen Wohnungsbau. Und auch daraus treiben ihn Themen um: Flächenschonendes Bauen in der Wachstumsstadt und wie es in der Bauwirtschaft zugeht, der ständig steigende Termin- und Kostendruck, immer neue Vorschriften zu Brandschutz oder Energieeffizienz, Fachkräftemangel. Ein Grund für Christian Paulus, dem künstlerischen Arbeiten mehr Raum in seinem Leben zu geben, nun mit einem Buch und der Ausstellung HADERLUMPEN. Seine CD Orang Mutan Klang ist übrigens auch dort erhältlich, Gesang: Paolo Lumpi.

mann 348Der Mann mit der roten Jacke

Immer wieder taucht der Mann mit der roten Jacke in den Bildern auf, welchem dann dieses oder jenes begegnet – ein Gedanke, ein Radfahrer, eine Fehlplanung, ein Missgeschick … Er könnte für den Künstler selbst stehen. Zumindest kokettiert jener ein wenig damit - groß, schlank, ein wenig gedankenverloren ist die Figur gezeichnet, beobachtend, forschen Schrittes oder flott mit dem Rad unterwegs, manchmal über den Bildrand hinaus. Der Mann mit der roten Jacke steht wohl für den menschlichen Maßstab, der dem Architekten Paulus ein Anliegen ist. Der Künstler Paulus findet für diese kritische Perspektive Bilder. Immer wieder werden unwirtliche Ecken und Unorte gezeigt, kleine Häuschen, bestückt mit enormen Mobilfunkanlagen, große Kreuzungen für Unmengen von Berufsverkehr gebaut, doch für Fußgänger eher trostlose Weiten, die es zu überwinden gilt. Menschen sieht man kaum, bis auf den einen Protagonisten in roter Jacke. Objekte, Gebäude, Straßen werden gezeigt und der Raum zwischen ihnen. Mit seinen Themen und Bildern erinnert Paulus an die ebenso ruhigen wie offenbarenden Fernsehbeiträge des Heimatfilmers Dieter Wieland.

Nicht nur, aber auch Lokalkolorit

Ingolstadt kann auch Idylle sein, eine Wellblechdatscha am Rand eines Gartens mit Apfelbaum, die rote Citroen-Ente vor dem ehemaligen Nachtcafe Rondell als Erinnerung an Jugendzeiten, der Baggersee mit Mann in roter Badehose, ein Großparkplatz von oben mit (fröhlich) bunten Autos, die Staustufe mit ihren Booten und Stegen, die Frau im roten Badeanzug entspannt auf der Wiese im Freibad, gleich beim Eisbären.

Christian Paulus ist seiner Stadt, daran besteht kein Zweifel, wirklich verbunden. Er bietet mit seinen Aquarellen Lokalcolorit im besten Wortsinn und überrascht immer wieder mit besonderen Ansichten. Doch er weiß eben auch das Unbedachte, Unbeholfene, Störende oder Fehlgelaufene eines Genius Loci darzustellen. Weil Paulus durch die transparenten Farben des Aquarells, feine Linienführung, guten Bildaufbau erst einmal Ästhetik schafft, wird oft nicht gleich klar, ob man einen guten Ort sieht. Drei blaue Mülltonnen in einem Eck sind zugleich dunkler Hinterhof und sehen eben auch irgendwie gut aus. Es sind gerade diese Gleichzeitigkeiten und Doppeldeutigkeiten, die seine Bilder so spannend machen. Und es ist die persönliche Haltung in seinen Arbeiten die uns überlegen lässt, dass und wie Ingolstadt eine dieser „Städte für Menschen“ sein könnte. Eine schöne Schanzer Aussicht. Petra Kleine

 haderlumpen buch

Christian Paulus | HADERLUMPEN
Schanzer Ansichten und Aussichten

Das Buch. Ein Bildband mit 52 Aquarellen.
Limitierte Auflage.

Ausstellung bis  Ende Dezember 2016
Buch und einzelne Bilder als signierte Drucke sowie Originale sind dort erhältlich
Coloria, Am Bachl 43, 85049 Ingolstadt
Di – Fr 10 -18 | Sa 10 - 13

* Haderlump ist ein gebräuchliches Schimpfwort für einen äußerlich eher etwas heruntergekommenen Menschen. Christian Paulus geht bei seinen Haderlumpen zunächst vom Büttenpapier aus, auf dem er malt. Es hat einen großen Anteil an Fasern, recycelt aus Stoffresten, eben den Lumpen. Ein Wort für diese Stofflumpen ist Hader. Ob der Künstler Paulus alias Paolo Lumpi auch ein Haderer ist, kann einfach ein weiteres Wortspiel sein, muss aber nicht.

Text/Bilder: Petra Kleine

 

 

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